Auf den Ankerplätzen der Fahrtensegler und auf den Internetseiten von Trans-Ocean, DARC und Intermar heiß diskustiertes Thema ist das "Errichten und Betreiben illegaler Funkstellen" auf dem Amateurfunkband (vulgo: "Funkpiraterie" oder "Schwarzfunk"). Ich verfolge seit mehreren Jahren, wie die Fetzen fliegen. Die Beiträge sind teils witzig, teils sachlich, leider teilweise auch unter der Gürtellinie. Hier nun nach beendeter Weltumsegelung mein Kommentar und Argumente für die Diskussion:

Kommentar
Zeit ist Geld. Wer wüßte das nicht besser als wir Fahrtensegler.
Wer reichlich Geld hat, kauft sich sein Schiff von der Stange, sprich fabrikneu von der Werft.
Wer dagegen mit kleinem Budget auskommen muß, steckt viel Schweiß in den Erhalt eines alten Dampfers oder baut ihn in jahrelanger mühevoller Arbeit selbst.
Zeit ist Geld. Wer Zeit hat, wartet auf Wind. Wer's eilig hat, schmeißt bei Flaute den Motor an und bezahlt dafür ohne zu murren kräftig für den verfeuerten Diesel.
Zeit ist Geld. Wer um die Welt segeln will, ohne sich persönlich umfassend vorzubereiten läßt sich den Planungs- und Organisationsaufwand von den Jimmys dieser Welt abnehmen und sich für reichlich Knete bluewatern.
Zeit ist Geld. Warum sollte dies ausgerechnet  in der Kommunikation anders sein?
Wer es sich leisten kann, installiert eine aufwendige Satelitenfunkanlage und zahlt hohe Monatsgebühren und saftige Minutenpreise für Gespräche, Faxe und mails.
Wer's billig oder kostenlos haben will, muß sich halt stattdessen ein paar Monate auf den Hosenboden setzen und für ein Seefunkzeugnis und/oder die Amateurfunklizenz büffeln.
Zeit ist Geld. Auch hier. So einfach ist das.

 

Argumente

Es gibt im Zusammenleben in unserer Gesellschaft Spielregeln. Ob der einzelne jede für sinnvoll hält oder nicht - darauf kommt es nicht an. Es kann jeder jederzeit mit rechtstaalichen Mitteln gegen nicht genehme Normen vorgehen. Oder auch dagegen verstoßen: Besoffen ein Auto lenken, Steuern hinterziehen, eine Bank ausrauben, seinen Partner betrügen, einen anderen verprügeln - oder  einen Sender ohne Erlaubnis bedienen - jeder ist für sich selbst verantwortlich. Jeder hat gegebenenfalls die Konsequenzen zu tragen, falls als Folge daraus die unsere Gesellschaft vertretenden Organe mit diesem Handeln nicht einverstanden sind.

Die meisten vorgebrachten Argumente warum Fahrtensegler regelmäßig unlizensiert funken dürfen oder gar müssen, sind - mit Verlaub - an den Haaren herbeigezogen.

 Antworten auf die häufgigsten Ausreden nichtlizensierter:

... ich habe das Amateurfunkgerät doch nur für den Notfall gekauft...
Natürlich gilt die Regel "Not kennt kein Gebot" auch und gerade im Amateurfunk. Aber Notfunk (außer für den Katastropheneinsatz) ist im Amateurfunk nicht als Regel vorgesehen. Es ist daher reiner Zufall ob und welcher Amateuer eine Distress-Meldung von See hört und er damit verfährt. Im Seefunk gibt es klar definierte Notfrequenzen, Hörwachen, professionelle Rettungseinrichtungen und festgelegte Verfahren. Wer also Emergency-Absicherung will, ist mit einer EPIRB-Boje oder einem GMDSS-fähigen Seefunkgerät  besser bedient. 

...die Grenzen, was ein Notfall ist, sind doch fließend...
Sicher. Sogar die US-Coastguard geht manchmal auf's HAM-Band. Deshalb wird kein vernünftiger Funkamteur und auch keine Behörde etwas dagegen haben, wenn neben den eindeutigen Notfällen (Mayday oder Pan Pan) auch Problemfälle unbürokratisch abgehandelt werden. Dafür gebührt jedem, der uneigennützig hilft, Dank und Anerkennung.
Aber: täglich mehrstündige Netze mit Routine-Positionsmeldungen, "heiteren" Sprüchen und Seglerklatsch sind eindeutig kein Emergency-Traffic. Dieser Funkverkehr gehört auf auf die für "Social Affairs" zugelassenen Marine-Kanäle.

..."ich leite mein Netz wie ich will"... (ein Pazifik-Schwarzfunker öffentlich)
Jeder darf sich seiner -auch illegalen Handlungen-  rühmen wie er will (das tun bei uns zulande bekanntlich auch Hooligans).
Unfair ist allerdings, wenn ein sogenannter Netzbetreiber unwissende Segler, die in den Bereich der Jurisdiktion ihres Flaggenstaates zurückkehren, zu ungesetzlichem Handeln mit möglicherweise bösen rechtlichen Konsequenzen verführt.

... lizensierten Amateure quatschen doch selbst stundenlang dummes Zeug...
Das ist neben technischen Experimenten nachgeradezu der Zweck von Amateurfunk: Ausschliesslich "privater Inhalt ohne wirtschaftliche Bedeutung" darf übermittelt werden.

...auf den Seefunkfrequenzen ist nichts los, die Amateurfunkbänder sind interessanter ...
Da gibt es zwei einfache Lösungen: Entweder die Seefunkfrequenzen durch Netze aktivieren (was ja teilweise mit gutem Erfolg geschieht: siehe "Hugo's Netz", ein in der Karibik  beliebtes tägliches deutschspachiges Netz mit vielen Yachten oder die Praxis amerikanischer Yachten die sich auf Marinebändern überall entlang der Barfußroute regelmässig treffen) oder -sorry- die Eintrittskarte "Lizenzprüfung".

... mich interessiert doch nur das Segel-Wetter...
Zuhören bei den Wetterrunden ist jedermann erlaubt. Und wenn ausnahmsweise mal einer die Taste drückt - Schwamm drüber. Ansonsten investieren - Geld oder Zeit: In eine Satelitenanlage, in Wetterfax oder in eine Funkausbildung.

... ich würde die Prüfung ohne Morsen machen. CW ist Schikane, heutzutage unnötig...
Die Prüfungen sind laufend vereinfacht worden. Morsen gehört zum Amateurfunk wie der Sextant zur Seefahrt. Im GPS-Zeitalter ist auch dessen Einsatz überholt. Trotzdem lernen wir noch immer den Umgang damit, werden darin geprüft, benützen das Ding ab und an, finden das völlig normal. Und wir sind vielleicht sogar ein wenig stolz auf unsere traditionellen Fähigkeiten. Überdies ist segeln an sich eine höchst archaische Art der Fortbewegung. Oder nehmen wir die Flaggengebräuche...

... ohne uns (Unlizensierte) ist doch Grabesstille auf den Bändern...
Da verwechselt einer was: Die immer enger werden Amateurfunk-Bänder sind eher überbelegt.

..."lizensierter Besserwisser"...(wütende Beschimpfung eines Funk-Piraten)
könnte es sein, dass durch intensive Beschäftigung mit der Materie Funkamateure tatsächlich da und dort einen Informationsvorsprung haben..? 

... die Deutschen sehen das alles viel zu eng ...
Die Amateurfunkregeln gelten international. Die Prüfungsbedingungen wurden in Deutschland über die Jahre laufend liberalisert. In einigen Ländern sind die Prüfungen vielleicht eine Spur leichter, in anderen dafür sogar schärfer. Morsen muß man für die "große" Lizenz überall, auch in den USA. (Ausnahmen sind vielleicht einige südamerikanischen Ländern, wo  kleine Geschenke auch mal die Behörden-Freundschaft erhalten...) In Australien ist sogar strafbar, ohne gültige Lizenz ein Amatuer-Funkgerät überhaupt zu kaufen.

....wir unlizensierten haben oft bessere Kenntnisse, als lizensierte...
Na also. Dann steht doch auch einer Prüfung nichts im Wege!

...bis auf das Morsen...
Das ist einfacher als viele glauben: etwa drei, vier Monate täglich eine halbe Stunde von der Kassette üben. That's it.

...ich bin schon unterwegs, da kann ich keine Prüfung mehr machen...
Erst neulich habe ich in Phuket/Thailand gut und gern 20 Yachties aus verschiedenen Ländern getroffen, die gemeinsam einen Amateurfunk-Kursus mit Prüfung in mehreren Teilen (einschliesslich morsen) am Ankerplatz organisiert haben. Legal, relaxed aber mit großem Ernst und absolut qualifiziert. Die hatten alle sogar eine Menge Spaß dabei.

...funken ohne Lizenz kann ziviler Ungehorsam sein...
Wie bitte? Sollen hohe ethische Werte wie das (deutsche) verfassungsmäßige Widerstandsrecht ernsthaft dafür herhalten, wenn jemand unwillig, schlecht organisiert oder einfach zu faul ist, sich einer Prüfung zu unterziehen?

...vor dreißig Jahren haben Formalitäten keinen interesiert. Warum heute das Geschrei ...
Vor 30 Jahren gab es nur eine handvoll Funker und die Ankerplätze waren leer. Heute wird leider alles zum Massenbetrieb und - Freiheit der Meere hin oder her - das führt zwangsläufig zu mehr Regulierung. In ein paar Jahren ist auch unsere Zeit von heute, die gute alte Zeit...

... wir schaden mit unserer nicht legalen Funkerei doch keinem...
Die Behörden und insbesondere die Industrie beobachten mehr und intensiver, als uns allen lieb sein kann. Alle haben Begehrlichkeiten nach unseren Frequenzen. Irgendwann wird der Mißbrauch zum willkommenen Vorwand dienen, uns Amateuren die Frequenzen wegzunehmen und anderen, profitträchtigeren Interessenten zukommen zu lassen. 

...die law and order Einstellung ist widerlich...
Alle Ansichten dieser Diskussion gehören zur Meinungsfreiheit und sollten  ernst genommen werden. Sicher ist man kein Rechter wenn man sich auf's Recht beruft. Aber es gibt auch keinen Grund, andere mit Schaum vor dem Mund runterzuputzen.

...wo kein Kläger, da kein Richter...
Ich bin weder Staatsanwalt noch "Band-Polizei". Deshalb ist mir ehrlich gesagt die Blockwart-Mentalität der Übereifrigen  ebenso ein Dorn im Auge wie es die notorischen Scharzfunker sind. 
  
Was meinen SIE?